Ein Artikel aus dem Nürnberger Stadtanzeiger (NN & NZ) vom 18.01.2017

Schön erlegt den VfL Nürnberg, ehe der Volleyballdrittligist mit Stadler überrascht und ein bittersüßes Derby gegen Altdorf doch verliert

VON MARCO SCHRAGE

170118 TVA Stadler NSA 200Die einseitigen Derbys sind Geschichte: In aufregenden fünf Sätzen unterliegen die Volleyballerinnen des VfL Nürnberg dem TV Altdorf mit 2:3. Der Vorjahresmeister bleibt in der unteren Tabellenhälfte der dritten Liga stecken.

Jorge Rodriguez Guerra ist ein netter Mann, ein im positiven Sinn volleyballverrückter, der gerne über seinen Sport und sein Team, die von ihm trainierten Volleyballerinnen des VfL Nürnberg spricht — im Moment allerdings noch am liebsten auf Spanisch oder Englisch. „She killed us", sagte Rodriguez deshalb auf Englisch, ein Satz, den man erst wirklich versteht, wenn man Katharina Schön an diesem Sonntagnachmittag hat spielen sehen. Schön spielt Volleyball für den TV Altdorf, Ligakonkurrent und Dauerrivale des VfL Nürnberg, und im Spiel gegen genau diesen VfL trumpfte sie lange groß auf. Knallhart ihr Aufschlagspiel, hart und platziert ihre Schläge vom Netz.

Bedauerlich an Schöns starkem Auftritt war für neutrale Beobachter denn auch nur, dass sie nicht den Namen ihrer Mannschaftskollegin Christine Prügel trägt — es hätte einfach zu schön gepasst.

Dass der TV Altdorf das Derby wiederum nicht innerhalb einer Stunde und ohne Satzverlust für sich entschied, ist einem taktischen Kniff Rodriguez' zu verdanken, der nach zweieinseitigen Sätzen dem Angriffsspiel der Altdorferinnen und insbesondere dem Katharina Schöns einige Schärfe nahm. Rodriguez stellte um, brachte überraschend die Ex-Altdorferin Mirjam Maletius und die eigentlich schon verabschiedete Mittelblockerin Sabine Stadler. „Wir haben ein bisschen geblufft", sagte Team-Manager Markus Reichler hernach, „schade, dass es nichts gebracht hat." Viel fehlte nicht. Rodriguez und Reichler erlebten, wie taktisch und personell umformierte Nürnbergerinnen nach und nach die Kontrolle über das Derby übernahmen. „Einen Punkt haben sie auf jeden Fall", hatte Hallensprecher Jürgen Bodach den ersten Punktgewinn des VfL im dritten Satz noch fast spöttisch kommentiert. Dabei war dieser eine Punkt nur der Auftakt zu einer erstaunlichen Aufholjagd, zu einem bis zuletzt spannenden Volleyballspiel, kurzum: zu einem mitreißenden Derby. Denkbar knapp entschied der VfL die Sätze drei und vier für sich, brachte den Gast so an den Rand einer nach 30 Minuten für nie möglich gehaltenen Niederlage. Die zunächst verhaltene Stimmung in der Altenfurter Ballsporthalle wich fiebriger Anspannung, Jürgen Bodachs galgenhumorige Punktezählerei dem Jubel: „Ist das geil hier!" Ein älterer Zuschauer, lange still, ging plötzlich mit, gestikulierte und schimpfte. Im entscheidenden fünften Satz wirkte er vor Spannung zerrüttet — und ging.

Was er nicht mehr sah, war das für den VfL unglückliche Ende einer bemerkenswerten Energieleistung. Mit einem 12:15 musste sich der Gastgeber im fünften Satz geschlagen geben — wohl auch, weil sich ausgerechnet Sabine Stadler in den letzten Minuten ihres Abschiedsspiels verletzte. Eine „bittere Ironie des Schicksals" in den Worten Markus Reichlers, für Coach Jorge Rodriguez nicht weniger als die Schlüsselszene, die ein rasantes Spiel endgültig kippen ließ.

Dabei ist Stadlers Pech die jüngste Hiobsbotschaft in einer schwierigen Saison. Verletzungen und Abgänge machen eine kontinuierliche Entwicklung des Teams schwierig. Immer wieder werden Lücken provisorisch gestopft, mit Spielerinnen der Landesligamannschaft oder solchen, die sich aus beruflichen oder familiären Gründen aus dem Volleyball zurückziehen wollten. Neue Spielerinnen und jungen Nachwuchs wollte Teammanager Markus Reichler zusammen mit Rodriguez rekrutieren. Eigentlich. Da Reichler aber derzeit reichlich damit zu tun hat, die Lücken zu füllen, die der zurückgetretene Abteilungsleiter Ralf Ackmann hinterlassen hat, ist daraus bislang nichts geworden.

Immerhin: Moral und Stimmung im Team scheinen gut — auch bei Trainer Jorge Rodriguez. Die mitunter schwierigen Bedingungen für seinen Sport, mit dem sich weder in Deutschland im Allgemeinen noch beim VfL im Speziellen nennenswert Geld verdienen lässt, will er nicht zu hoch hängen. „Die Liebe zum Sport", sagt Rodriguez, „ist die gleiche, ganz egal ob bei den Profis oder hier beim VfL. Das ist das Wichtigste." Und solange das gilt, irritieren ihn auch die letzten Turbulenzen nur wenig. Sagte es und schob noch ein Motto hinterher, natürlich auf Englisch: „Keep calm and make changes."