Ein Beitrag aus dem Nürnberger Stadtanzeiger (NN & NZ) vom 24.11.2016

In Rio de Janeiro fehlten die deutschen Hallenvolleyballer. Was das für Nürnberg bedeutet und wie es um den SV Schwaig und den VfL Nürnberg steht. Was war denn da los in Rio de Janeiro?

Schaut man sich die Tabellen des olympischen Volleyballturniers an, sucht man vergeblich nach einer Deutschlandflagge. Im Gegensatz zum Beachvolleyball, wo das deutscheFrauenduo Laura Ludwig und Kira Walkenhorst Gold abräumte, waren die Volleyballer in der Halle nicht einmal dabei. Sie scheiterten in der Qualifikation knapp an Polen. „Dafür braucht sich Deutschland aber nicht zu schämen“, sagt Michael Raddatz, ehemaliger Trainer des SV Schwaig und des VfL Nürnberg. Das Scheitern der Nationalmannschaft sei nicht „auf Schwäche zurückzuführen, sondern auf den brutalen Konkurrenzkampf in Europa“. Im europäischen Raum ist die Leistungsdichte sehr hoch, während Länder wie Brasilien, Kuba oder USA bei Olympia meist nicht mithalten können. Soll heißen: In der Qualifikation nehmen sich die Europäer gegenseitig die Plätze weg und im olympischen Turnier „muss man, wenn man schon hinkommt, eigentlich fast um eine Medaille mitspielen“, meint Raddatz. Hätte Deutschland wahrscheinlich auch, wären sie nicht knapp in der Quali gescheitert. Denn: „Die Männer sind so gut wie noch nie“, ist sich Raddatz sicher. Viele Nationalspieler spielen bei internationalen Topklubs. Bis zur verpatzten Quali erlebte Deutschland einen „Volleyballboom“ (Raddatz). Die Männer holten bei der WM 2014 überraschend Bronze. Die verpasste Qualifikation aber habe den „Boom gebrochen“. Auch deswegen sagt Raddatz: „Enttäuscht ist man immer, man hofft halt, dass die Mannschaft aus seinem Land und seiner Sportart es schafft“, sagt Raddatz.

Was bedeutet das für Nürnberg?

War auch ein Nürnberger dabei in Rio, Herr Raddatz? „Nee, nee, um Gottes willen. Davon sind wir weit entfernt“, stellt der 40-Jährige klar. Außerdem: Scheitert man schon in der Qualifikation, fehlt die mediale Präsenz komplett. „Man muss schon einen Spartensender suchen, um überhaupt Hallenvolleyball zu sehen“, sagt Raddatz. Für den SV Schwaig und den VfL Nürnberg habe Olympia, egal wie es ausgeht, kaum Relevanz. Da Schwaig „nur“ in der Zweiten Bundesliga (Männer) und der VfL in der Dritten Liga (Frauen) spielen, berichten hauptsächlich Print-Medien. Im Fernsehen werden keine Spiele übertragen. „Auch wenn man sich immer freut, wenn man sagen kann ,Volleyball ist in‘, wird sich die Berichterstattung durch das Abschneiden bei Olympia nicht groß verändern“, sagt Raddatz.

Ein Problem in der öffentlichen Wahrnehmung ist aber auch, dass die meisten Deutschen jede Sportart mit Fußball vergleichen. In der beliebtesten Sportart der Deutschen gibt es genau ein Qualifikationsturnier und entweder man ist dabei oder halt nicht. Im Volleyball gibt es mehrere Wege, die zu Olympia führen. „Es ist ein sehr komplexer Modus“, gibt Raddatz zu.

Was läuft gut bei Nürnbergs Volleyballvereinen?

„Der SV Schwaig hat einen sehr guten Schritt in Richtung Topmannschaft gemacht“, meint Raddatz. Er spielt auf die Verpflichtung von drei Spielern, die bezahlt werden an und auf den professionellen Trainer, Jozef Janosik, der im Sommer das Amt von Raddatz übernommen hat. „Wir sind sehr zufrieden mit dem neuen Trainer, die Stimmung in der Mannschaft ist gut, der sportliche Erfolg ist auch da“, meint Hans-Peter Ehrbar, seit 20 Jahren Abteilungsleiter beim SV Schwaig. Die erste Mannschaft steht im Moment auf Platz zwei in der Zweiten Bundesliga. Der nächste Schritt aber ist schwer. Raddatz spricht von einem „gigantischen Sprung in die Erste Liga“. Bei einem Aufstieg bräuchte man eine größere Halle, bessere Trainingsbedingungen, neue Spieler und eine Vervierfachung des aktuellen Etats. „Aktuell ist Bundesliga-Volleyball in Schwaig nicht vorstellbar“, stellt Ehrbar klar. Dem Abteilungsleiter liegt neben der ersten Mannschaft die „Verbindung von Spitzensport und einer guten Jugendarbeit“ am Herzen. Seit zwei Jahren ist Schwaig ein vom Verband anerkannter Jugendstützpunkt. In den nächsten Jahren gilt es, die Talente in den Herrenbereich zu integrieren. Dafür will Ehrbar die jungen Erwachsenen zunächst in der zweiten Mannschaft spielen lassen und dann langsam an die „Erste“ heranführen. „Der Sprung in die Zweite Liga ist groß“, erklärt Raddatz.

Vom VfL Nürnberg gibt es nicht nur Positives zu berichten. Letztes Jahr wurden die Damen souverän Meister, konnten aber aufgrund Spielermangels nicht aufsteigen. Trotzdem konnten die Verantwortlichen um den stellvertretenden Abteilungsleiter Markus Reichler mit dem Co-Trainer der spanischen Nationalmannschaft, Jorge Rodriguez, einen Fachmann als Trainer verpflichten. „Wir sind sehr zufrieden mit ihm, er bringt Schwung mit und ist ein angenehmer Typ“, sagt Reichler. Im Moment ist die Mannschaft noch in der Findungsphase und steht auf dem achten Tabellenplatz.

Was könnte noch besser werden?

Will der SV Schwaig künftig ganz oben mitspielen, muss er den nächsten Schritt gehen. Die Halle muss erstligatauglich gemacht werden, man braucht mehr professionelle Trainer und Spieler. Das geht aber nur mit Geld. Ehrbar vergleicht die Entwicklung mit einem Kreislauf: Sportlicher Erfolg bringt mehr Zuschauer, die bringen mehr Berichterstattung, die für mehr Sponsoren sorgt. Mit Sponsoren ist ein höherer Etat möglich. Während Raddatz den SV in der Zweiten Liga „auf einem guten Weg“ sieht, will Ehrbar „Schritt für Schritt“ gehen. „Natürlich können wir Aufstieg als Ziel formulieren, aber wir sind weit davon entfernt zu sagen, wir können den Aufstieg auch realisieren.“ Dem VfL empfiehlt Michael Raddatz, neue Spieler zu holen. Der Kader sei einfach zu klein. Das noch größere Problem ist laut Raddatz aber die Jugendarbeit. Während der TV Altdorf fast ausschließlich mit eigenen Talenten in der Dritten Liga spielt, bildet der VfL keine Spieler aus. „Der Jugendbereich ist so gut wie tot“, urteilt Raddatz. Auch deswegen strebt Markus Reichler einen Zusammenschluss mit anderen mittelfränkischen Vereinen wie Altdorf oder dem ASV Veitsbronn an. „In den letzten Jahren gab es bereits Gespräche, aber wir sind zu keiner Lösung gekommen“, sagt Reichler. Ex-Trainer Raddatz schlägt auch vor, einen großen Volleyballstandort in Mittelfranken zu gründen. „Die Vereinsinteressen sind aber zu groß, es gibt zu viele Konkurrenzgedanken“, sagt Raddatz. Auch der zurückgetretene Abteilungsleiter, Ralf Ackmann (wir berichteten), sieht in einem Zusammenschluss die beste Lösung. Unabhängig davon plant Markus Reichler, „an die Schulen zu gehen mit unserem neuen Trainer und die Kinder für Volleyball zu begeistern“. Das sind alles gute Ideen, das Fazit von Raddatz aber fällt ernüchtert aus: „Am Ende lebt bzw. stirbt Volleyball immer mit dem Geld.“

Olympia 2020 — ein Ziel für Nürnbergs Volleyballer?

In dieser Frage sind sich alle drei Volleyballexperten einig. In Tokio 2020 wird keiner dabei sein. „Wenn man sich anschaut, wer momentan in der Nationalmannschaft spielt, dann sieht man, dass fast 80 Prozent im Ausland spielen, in Polen, Russland oder Italien“, sagt Ehrbar. Die deutsche Liga kann da nicht mithalten. Insofern sieht Ehrbar keinen mittelfränkischen Olympiateilnehmer. Raddatz und Reichler sehen das ähnlich. „In Mittelfranken sind wir im Volleyball eher mäßig vertreten, da haben wir ganz andere Probleme“, sagt Raddatz. Er geht sogar noch weiter: „Wenn unsere Mannschaften in Russland oder Polen zuschauen, kriegen sie einen Herzinfarkt.“ Letztlich bringt es Ehrbar auf den Punkt: „Wir bzw. die deutsche Nationalmannschaft muss froh sein, wenn sie sich überhaupt qualifiziert.“
BASTIAN MÜHLING