Ein Artikel aus dem Nürnberger Stadtanzeiger (NN & NZ) vom 21.11.2016

Chemnitz kam mit einer 250-fachen Nationalspielerin zum Auswärtsspiel nach Nürnberg—und fuhr besiegt wieder nach Sachsen

VON CHRISTOPH BENESCH

Sie hatten sich nicht viel ausgerechnet vor dem Spiel gegen den Chemnitzer PSV, die Volleyballfrauen des VfL Nürnberg. Nach einem kuriosen Auf und Ab hatten sie gewonnen.

161121 Ssuschke-Voigt NSA 300Es war der Abend der erfahrenen Volleyballerinnen. Die eine so groß,dass man sie am besten gleich hätte bitten sollen, die mal wieder verrückt spielende Anzeigetafel an der Wand der Ballspielhalle in Altenfurt zu reparieren. Ohne Leiter.
Die andere zunächst so unscheinbar in diesem Quadrat, in dem sich die Wechselspieler ein wenig unbeholfen aufhalten, dass man zunächst nur an ihrem Mann und den Kindern bemerkte, dass sie auch noch in der Halle ist.
Die eine, die Große, heißt Corina Ssuschke-Voigt und trug 250-mal das deutsche Nationaltrikot. Sie war zweimal Vize-Europameisterin, gewann die Europaliga, die polnische Meisterschaft, zweimal die tschechische, Pokale und Titel, spielte in Cannes und in Aserbaidschan, im italienischen Cesena. Und jetzt, nach Schwangerschaft, wieder beim Heimatverein Chemnitzer PSV. Sie ist überqualifiziert für die Dritte Liga, wie sehr, das durfte man lange bestaunen.

Die andere heißt Lena Chan. Im Januar wird sie voraussichtlich zurück in ihre Heimat gehen, wo sie eine Volleyballschule besitzt, erfolgreiche Spielerin und College-Trainerin war. Ein Krankheitsfall in der Familie zieht sie zurück in die USA, die die Familie aus beruflichen Gründen vor drei Jahren verließ.
Und so begann diese Begegnung des VfL Nürnberg, heuer nach einigen Umwälzungen ja mehr mit sich selbst als mit dem Aufstieg beschäftigt, gegen den Chemnitzer PSV, eine Mannschaft, die zwar erst aufgestiegen ist, aber nach eindrucksvollen Siegen bis auf Rang zwei geklettert war: Ssuschke-Voigt punktete, wann immer sie angespielt wurde, wo auch immer sie zum Block hochstieg — Lena Chan dehnte sich im Wechselquadrat. Und bei jeder Auszeit schob Ehemann Chan einen riesengroßen Besen übers Volleyballfeld, die beiden Töchter spielten am Rand Ballmädchen und mit ihren Smartphones. Als der erste Satz mit 25:21 endete, staunte vor allem Ssuschke-Voigt: Die tapferen Frauen vom VfL hatten sich das 1:0 erkämpft.
Es war der Start eines verrückten Volleyballspiels, in dem die Höhepunkte so munter übers Netz wechselten wie der Ball — mal punktete Chemnitz, lautstark betrommelt von der Handvoll mitgereister Anhänger, mal der VfL, der meist in den langen, kräftezehrenden Ballwechseln die Nerven behielt. Dennoch ging der zweite Satz deutlich an die favorisierten Gäste (15:21).
„Unser größtes Problem ist die Konstanz", sagte VfL-Trainer Jorge Rodriguez später, „die Qualität der Spielerinnen ist großartig. Es fehlt einzig mental."
Diese Stärke impfte Rodriguez seiner Mannschaft in der Satzpause wieder ein, prompt ging der Dritte wieder an Nürnberg (25:21) — eine kleine Sensation war gelungen, ein Punktgewinn gegen den Tabellenzweiten. Die Anzeichen, dass der VfL sich damit zufriedengab, verdichteten sich im folgenden Satz, in dem überhaupt nichts mehr zusammenlief: Das 9:25 war Ergebnis eines rasanten Spannungs- und Konzentrationsabfalles. Der hielt bis in den entscheidenden fünften Satz an, beim Stand von 2:7 setzte Rodriguez auf Erfahrung — und brachte Lena Chan aufs Feld.
Die Amerikanerin stahl nun der hochdekorierten Ssuschke-Voigt mit unspektakulärem, fehlerlosen Spiel die Show: Drei platzierte Angaben feuerte sie übers Netz, als der allererste Block gegen einen Schmetterschlag von Ssuschke-Voigt in diesem Spiel gelang, stand es wieder 7:7. „Auf diesem Niveau ist die Angabe der Schlüssel", verriet Rodriguez — und behielt recht.AmEnde gewann Nürnberg sensationell mit 3:2 Sätzen.
„Unser Ziel muss es sein, mehr Konstanz zu bekommen, uns zu entwickeln", meinte Marcus Reichler, der stellvertretende Abteilungsleiter. Und Lena Chan zu überreden, doch noch nicht nach Hause zu gehen.