Ein Artikel aus "Mehr Nürnberg" (NN & NZ) vom 18.11.2016

Die Volleyballerinnen des VfL Nürnberg verlieren zum ersten Mal in dieser Saison ein Spiel, in Gefahr ist die Tabellenführung aber noch nicht

VON SEBASTIAN GLOSER
45 Minuten dauerte es, bis aus dem Derby gegen den TV Altdorf auch ein Spitzenspiel wurde. Dann verloren die Volleyballerinnen des VfL Nürnberg erst die Kontrolle und später sogar die Partie mit 2:3.

Nachdem der Ball das letzte Mal an diesem Abend den Boden der Halle am Mittelbügweg berührt hatte, flos­sen sogar ein paar Tränen. Die Volley­ballerinnen des VfL Nürnberg betrau­erten das Ende ihrer schönen Serie, der TV Altdorf bejubelte einen emotio­nalen Sieg im Spitzenspiel der dritten Liga. „Das war so ärgerlich“, sagte Mittelblockerin Maria Wirth, als die Tränen getrocknet waren. „Wir haben 2:0 geführt und uns dann das Leben selbst schwergemacht.“ Eine sehr treffende Analyse, denn zu einem Spitzenspiel war dieses Der­by ja tatsächlich erst nach etwa einer Dreiviertelstunde geworden. Bis da­hin hatte es so ausgesehen, als könnte der Tabellenführer auch die Begeg­nung gegen den Tabellenzweiten rela­tiv mühelos für sich entscheiden. Mit der beeindruckenden Bilanz von zehn Siegen aus zehn Spielen waren Nürn­bergs beste Volleyballerinnen in die Partie gegangen, auch das Hinspiel war eine relativ klare Angelegenheit.

Altdorf MN 180116 467„Der Mannschaft gehen die Gegner aus“ – so schreiben das Sportjournalis­ten gerne, wenn ihnen die Wörter aus­gehen, um die Dominanz eines Ver­eins etwas kreativer zu beschreiben. Die Behauptung, dass dem VfL die Gegner ausgehen, ließ sich nach einem Blick in den Terminkalender aber auch schon vor der zweiten Begegnung mit Altdorf nicht halten. Kommenden Samstag empfängt der VfL den SV Esting, im Februar dürfen sie den TV Planegg-Krailing und Ham­melburg in der Ballspielhalle Alten­furt empfangen, im März den TSV Eiselfing und zum Saisonabschluss am 19. März geht es zur DJK Augs­burg- Hochzoll. Die Gegner gehen ihnen so schnell nicht aus, höchstens die ernsthaften Konkurrenten und auch da ist man sich seit Samstag nicht mehr so ganz sicher.
Auf einen fünften Satz hatten sich die VfL-Volleyballerinnen in dieser Spielzeit zuvor erst zweimal eingelas­sen, die meisten Erfolge gestalteten sich sehr souverän. Obwohl sie sich im Sommer mal wieder neu aufgestellt hatten, Lena Chan vom Feld an die
Seitenlinie wechselte, schienen sie recht bald auf Autopilot schalten zu können. „Wir haben uns vor der Sai­son nicht ausgerechnet, alle Spiele ge­winnen zu können“, erzählte Wirth, als die Augen immer noch gerötet, das Lächeln aber in ihr Gesicht zurückge­kehrt war. „Aber wenn man schon so viele Spiele gewinnt, hat man natür­lich irgendwann den Anreiz, alle zu gewinnen.“ In der Halle am Mittelbügweg, wo normalerweise der SV Schwaig resi­diert, die Altdorferinnen mangels Alternativen in dieser Saison aber ihre Heimspiele austragen, drängte sich der Eindruck auf, dass der VfL auch nach dem Gewinn der ersten bei­den Sätze (25:16, 26:24) wieder auf Autopilot umgestellt hatte.
 
Kontrollverlust bei Bon Jovi

Reihenweise flogen die Aufschläge über das Ziel hinaus, die Annahmen wurden nicht mehr sauber ausgeführt und irgendwann bröckelte sogar der anfangs so starke Mittelblock. Und während sich aus den Boxen das Grau­en in Form von Hermes House Band, Helene Fischer und Bon Jovi immer
lauter seinen Weg in die Halle bahnte, sah sich Lena Chan immer häufiger gezwungen, am Kampfrichtertisch Auszeiten zu beantragen. Nach dem Hinspiel, als diese Drittliga-Saison gerade einmal zwei Spieltage alt war, hatte Chan noch erklären dürfen, warum sie ihr Team eigentlich mög­lichst selten an die Seitenlinie bestel­len will. „Die Mannschaft soll lernen, sich auf dem Feld selbst zu coachen“, sagte die Trainerin, Auszeiten will sie nur nehmen, wenn ihre Spielerinnen selbst keine Lösung mehr finden.
Am Samstag war diese Zeit spätes­tens Mitte des dritten Satzes gekom­men. Mit ihrer 19:16-Führung gingen sie allzu sorglos um, wenig später war der Satz mit 21:25 verloren gegangen, danach schauten die Altdorferinnen nicht mehr zurück. Den vierten Satz konnten die Gastgeber mit 25:20 für sich entscheiden, der entscheidende fünfte Durchgang ging mit 15:12 an den TV, der nun bei einem Spiel weni­ger noch sieben Punkte Rückstand auf den VfL hat.
„Wir haben heute viele Dinge getan, die wir besser nicht getan hätten“, sag­te eine sichtlich angefressene Lena Chan hinterher. Zuletzt hatten sie nur selten trainieren können, Auswechsel­spielerinnen hatten sie nur wenige dabei, aber all das wollte Chan nicht als Ausrede gelten lassen. Den Auf­stieg haben sie immer noch selbst in der Hand, auch wenn immer noch nicht klar ist, ob sie sich den über­haupt leisten können und wollen.
Von ihrem Weg abbringen lassen wollen sich die VfL-Volleyballerinnen von der ernüchternden Bruchlandung nicht, wie Maria Wirth vorsichtshal­ber noch einmal betonte. „Wir werden jetzt nicht zu Hause auf dem Sofa sit­zen und heulen“, sagte sie. „Wir wer­den uns gegenseitig aufbauen und positiv bleiben.“ Tränen soll es in die­ser Spielzeit keine mehr geben.